
Alfred Cordes
*1948 in Osnabrück
lebt und arbeitet in Osnabrück
Website: www.alfred-cordes.de
Alfred Cordes – Autor mit kritischer Liebe zu seiner Heimatstadt
Er kennt seine Heimatstadt wirklich wie die manches Mal zu oft zitierte „Westentasche“: Die Rede ist von dem 1948 in Osnabrück geborenen Schriftsteller Alfred Cordes.
Osnabrück ist auch Bezugsort mehrerer seiner Romane. Dank der schillernden Persönlichkeit seiner Figuren wie Caspar Coppenrath und Moritz von Achenbach ist es Cordes gelungen, die eher unscheinbare Stadt mittlerer Größe in Niedersachsen nahe der Grenze zu Nordrhein-Westfalen zu einem faszinierenden Fixpunkt neuerer deutscher Literatur zu machen.
2002 erschien sein Roman „Die himmlische und die irdische Liebe“. Darin erzählt er von Moritz von Achenbach, der anlässlich der Beerdigung seiner Mutter in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist. Ziemlich schnell wird deutlich, dass die familiäre Bande der von Achenbachs schon lange zerbrochen ist. Fast schon zynisch sind die von Moritz geäußerten Gedanken zu seiner verstorbenen Mutter und zur Trauergesellschaft; doch dann vollzieht sich mit dem Auftauchen von Lisa, einer Cousine zweiten Grades, eine Wende des Geschehens. Beide wenden sich von der Trauerfeier ab und Moritz, der sich fast wie ein Einsiedler auf ein Hausboot in der niederländischen Provinz zurückgezogen hat und ziemlich verbittert klingt, erzählt Lisa die Geschichte seiner Familie und die von seiner ersten Liebe zu der geheimnisvollen Marie Sophie von Sylth, wobei nicht immer deutlich ist, was Dichtung und was Wahrheit ist.
In seiner Erzählung entwirft Moritz das typische Bild einer großbürgerlichen Familie in der Nachkriegszeit. Der Vater geht völlig in seiner Arbeit auf, die Mutter wirkt kühl und reserviert. Tragisch ist das Schicksal des älteren Bruders, der die Schrecken des Zweiten Weltkrieges nicht verwinden konnte und sich umbrachte. Aber davon wird nicht geredet. Mit der Schwester weiß Moritz auch nichts anzufangen und wird so zu einem Eigenbrötler.
Als faszinierend erweist sich der Ort, in dem der Vater als Chefarzt tätig ist. Es ist der Gertrudenberg, Standort der 1861 errichteten Provinzialständischen Irrenanstalt, des heutigen Ameos-Klinikums, einem Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin. Auf dem Gertrudenberg befindet sich auch das Wohnhaus der von Achenbachs, also in direkter Nähe zu den „Irren“, wie man heute nicht mehr sagen würde.
Dort, auf dem Gertrudenberg, passieren laut Moritz schräge Geschichten. Von einer Königin der Irren wird die Rede sein, von merkwürdigen Zusammenkünften in verborgenen Räumen, und von der Liebe zu Marie Sophie von Sylth, einer Patientin des Vaters von Moritz, die sich in eine andere Existenz aus vergangenen Jahrhunderten hineingeträumt hat und mehr als rätselhaft bleibt. Sie wirkt gespenstisch wie viele weibliche Figuren aus gothic novels und anderen Schauergeschichten. Irgendwann ist sie auf rätselhafte Weise verschwunden. Keiner weiß wohin.
Je länger Moritz von früher erzählt, klingt es so, als hätte er mit der Vergangenheit nicht abgeschlossen und würde sich in ihr resignierend verlieren, doch je länger der Kontakt mit seiner Cousine Lisa wird, die auch immer wieder interessierte Fragen stellt und ihm zu kontern weiss, wenn er sich in eine Mischung aus Ablehnung, Trotz und Selbstmitleid hineinredet, desto mehr öffnet sich Moritz und erkennt die neue Liebe zu Lisa. Der Wandel von der himmlischen zur irdischen Liebe ist vollzogen.
Ein ähnlich schwieriger Charakter wie der von Moritz von Achenbach ist der von Caspar Coppenrath, einer weiteren literarischen Figur von Alfred Cordes. Caspar Coppenrath, Sohn eines wohlsituierten Bekleidungshändlers aus Osnabrück. Schon als Kind überschreitet Caspar Coppenrath jene Grenzen der Erkenntnis, deren sich die meisten Erwachsenen, gefangen in den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit, ein Leben lang nicht einmal bewußt werden. Caspar lebt in seiner eigenen Welt, beobachtet, experimentiert mit der menschlichen Wahrnehmung, stellt die kulturellen Verabredungen der deutschen Nachkriegsgesellschaft in Frage und gerät so in einen aufschlussreichen und gefährlichen Strudel der Erkenntnis, führt sich und den Leser zu immer neuen Sichtweisen der Realität und läßt uns begreifen, daß die menschliche Wahrnehmung nicht nur von außen nach innen fließt. Caspar nutzt seine Gabe des Anders-Sehens, um sich gegen die vermeintliche Realität der Erwachsenenwelt und der Nachkriegszeit zur Wehr zu setzen, indem er dieser seine eigenen Bilder entgegenstellt. Die Wochenschrift „Die Zeit“ war über dieses Werk des Lobes voll: „Das sind die besten Bücher, die die Frage, ob sie vielleicht konventionell oder gar altmodisch geschrieben sind, zur akademischen Spielerei machen, weil sie den Leser ganz einfach mitreißen. Unvermittelt findet er sich in Alfred Cordes‘ erstem Roman in den fünfziger Jahren wieder. Der Ton des Erzählens zieht ihn hinein, läßt den Tonfall jener Zeit anklingen, erinnert von ferne an den späten Thomas Mann. Er vergegenwärtigt etwas von der gutbürgerlichen Behaglichkeit, in die der bei Kriegsende geborene Titelheld hineinwächst… Alfred Cordes ist ein Geschichtenerzähler.“ Deutlich wird: Es lohnt die Lektüre dieser beiden Bücher; und wer an ihnen Gefallen gefunden hat, wird auch an seinen weiteren Veröffentlichungen großen Gefallen finden.
(Text: Andreas Meistermann/Juli 2024)