
Altfrid M. Sicking
*1960 in Essen
lebt und arbeitet in Ochtrup
Website: www.amsicking.de/
Altfrid M. Sicking – Virtuos nicht nur mit vier Schlägeln
„… Komm Sal, ziehen wir los und gehen wir immer weiter, bis wir da sind.“ „Wohin denn, Mann?“ „Weiß ich auch nicht, aber wir müssen los.“ Gerade da kam eine Gruppe von jungen Jazzern angefahren; sie holten ihre Instrumente aus den Autos und drängten sich gleich in einen Saloon. Wir folgten ihnen. Sie richteten sich ein und legten los. Wir waren da!“ (aus „Unterwegs“ von Jack Kerouac)
Eine gute schulische Ausbildung mit Musikunterricht – das haben die Eltern von Altfrid Maria Sicking ihm und seinen fünf Geschwistern versprochen und eingehalten; und so kam es, dass der heutige Jazzmusiker, unter anderem bekannt durch die Götz Alsmann Band, schon im zweiten Schuljahr den Umgang mit der Blockflöte erlernte.
Doch im Gegensatz zu manch anderen Schülerinnen und Schülern, die den Blockflötenunterricht als Qual empfanden, war bei ihm die nachhaltige Neugierde für das Musizieren geweckt. Und diese Neugierde erweiterte sich mit zunehmendem Alter auch für das Erlernen weiterer Instrumente wie Klarinette und Klavier, bevor Sicking an der Musikschule in Ahaus – wo er mit seiner Familie lebte – mit 17 Jahren seinen ersten Kontakt mit dem Schlagzeug hatte. Schon zwei Jahre vorher spielte er zum ersten Mal in einer Band. Mit einem E-Bass, einem weiteren Instrument, das sein Interesse geweckt hatte. Später gründete er eine eigene Band, die ausschließlich von ihm komponierte Stücke spielte. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Bereits ein Jahr nach dem ersten Kontakt mit dem Schlagzeug hatte Sicking die Eignungsprüfung an der Musikhochschule Dortmund bestanden und ein Studium aufgenommen. Dort konzentrierte er sich neben allen anderen Dingen auf die Malletinstrumente und die Neue Musik (oder auch Zeitgenössische Musik) und spielte seitdem zahlreiche Erst- und Uraufführungen ein – unter anderem bei einem Werk des Komponisten und Professors an der Musikhochschule Detmold, Walter Steffens. Dabei fiel Sicking unter anderem die Aufgabe zu, mit einer speziell für diesen Zweck gebauten Apparatur Baustellengeräusche zu erzeugen. Ungewöhnlich waren auch die vorliegenden Noten, Die Komponisten entwickelten eigene grafische Formen und Zeichen. So wurden beispielsweise Spannungsverläufe in Linien oder Strukturen wiedergegeben oder musikalische Strukturen durch eine grafische Darstellung sichtbarer gemacht. „Das war schon ziemlich speziell, aber mir hat es großen Spaß gemacht, da den Musikern viel Raum zur Improvisation gegeben wurde. Und Improvisation ist ja auch ein zentrales Element der Jazzmusik, für die ich ja schon in jungen Jahren ein großes Faible hatte“, berichtet Sicking von seinen Erfahrungen.
Nach dem Studium verlief die Karriere von Altfrid M. Sicking lange Zeit zweigleisig. Auf der einen Seite die Klassische Musik im Orchester, in Ensembles und als Solist vorwiegend in der Zeitgenössischen Musik, auf der anderen Seite die Popularmusik, insbesondere der Jazz und die mit ihm verwandte Musik. Erst in späteren Jahren gewann die Popularmusik die Oberhand und Sicking wurde zum gefragten Sideman und Studiomusiker. Was ihm bei seiner weiteren musikalischen Entwicklung immer wichtig war: die Verbindung unterschiedlicher musikalischer Richtungen. Einer seiner musikalischen Helden neben Gary Burton, der beim Marimba- und Vibraphon das Spielen mit vier Schlägeln auf den Weg brachte, ist Frank Zappa, Gründer der legendären „Mothers of Invention“, der schon früh Jazz mit Rock auf einzigartige Weise kombinierte und später auch mit Orchesterwerken in die Klassik einstieg.
Inzwischen kann Altfrid M. Sicking auf die Zusammenarbeit mit einigen musikalischen Größen zurückblicken, unter anderem mit Charlie Mariano, Knut Kiesewetter, Greetje Kauffeld und der WDR Big Band; und auf zwei Produktionen der „Fantastischen Vier“ ist sein Vibraphonspiel zu hören. Die meiste Zeit seines musikalischen Schaffens verbringt er allerdings seit 20 Jahren als Mitglied der Götz Alsmann Band. Dort hat er neben Marimba- und Vibraphon übrigens auch schon mal Klarinette und Trompete gespielt. Damit nicht genug, hat Sicking vor ein paar Jahren das Orgelspiel erlernt und begleitet seitdem Gottesdienste in den Kirchen seiner Heimatstadt Ochtrup und der dortigen Region.
Aktuell liegt von Altfrid M. Sicking die in zwei Tagen live im Studio entstandene CD „I AM SICKING“ vor, die er mit mehreren Musikerkollegen (Sebastian Altekamp, Piano, Ingo Senst, Bass, Christian Schoenefeldt, Drums, Christian Kappe, Trompete und Flügelhorn, Martin Classen, Tenorsax, und Markus Paßlick, Percussion) eingespielt hat. Damit hat er sich in der pandemisch bedingten Zwangspause einen lang gehegten Wunsch erfüllt: unter eigenem Namen ein Album ausschließlich mit Eigenkompositionen aufzunehmen. Die darauf enthaltenen Stücke bewegen sich zwischen Hard Bop- und Latinklängen.
Nachtrag: Mit den schon erwähnten Aktivitäten ist Sickings Engagement für die Musik aber noch nicht komplett. So ist er Honorarprofessor an der Musikhochschule Münster und Lehrbeauftragter am Institut für Musikpädagogik der Universität in Münster. Zudem war er Lehrbeauftragter für Jazz-Vibraphon an der Folkwang Universität der Künste in Essen sowie Autor bei der Fachzeitschrift „Drums & Percussion“ für das Thema Improvisieren auf Mallet-Instrumenten.
(Text: Andreas Meistermann/September 2024)