
Andreas M. Wiese
*1966 in Wuppertal
lebt und arbeitet in Wuppertal
Website: https://amwiese.de/
Tausendundein Bild
In den frühen Arbeiten von Andreas M. Wiese Anfang der 1990er Jahre ist beispielsweise das Raumschiff Enterprise aus Star Trek über Barmen (einem Ortsteil von Wuppertal) zu sehen. Oder es stehen Autos im Fokus, die den Kontakt zur Straße verloren haben und leicht oberhalb der Fahrbahn ihre Bahnen ziehen. Wie ist es hier um die Realität bestellt?
Ein „Kaltes Haus“ mit weißblauer Fassade schält sich aus einem Wald mit erratisch stehenden Baumstämmen. Es erinnert an das Haus aus Hitchcocks „Psycho“, in dem der psychisch gestörte Mörder Norman Bates, dargestellt von Anthony Perkins, sein Wesen treibt. Das Haus steht mit seinen drei Etagen für die freudsche Einteilung in Es (Keller), Ich (Erdgeschoss) und Über-Ich (Obergeschoss). Ähnliche Assoziationsräume eröffnet ein Bild mit dem Titel „Borderline-Haus“. Diese Haus grenzt an eine nah vorbeilaufende Straße, ruft aber die Instabilität der assoziierten Persönlichkeitsstörung hervor. Wie ist es um den in der Realität Lebenden bestellt?
Gebäude ziehen sich durch seine Arbeiten. Es gibt auch nahezu surreale Bilder wie „Durchzug“ (2001), bei dem eine Modelleisenbahn aus einem Tunneldurchbruch in der Wand kommt und in einem Halbkreis wieder darin verschwindet, oder „Die Mohrenmänner“ aus dem Jahr 2024. Hier ersetzen Möhren die Extremitäten, die üblicherweise den Kontakt zum Boden herstellen. Dennoch sind die Arbeiten weder realistisch noch irreal oder surreal. Es sind narrative Arbeiten, Bilder, die auf ihre ganz eigene Weise Geschichten erzählen. Es sind keine Traumbilder, Bildergeschichten, Wimmelbilder oder Was-passiert-dann-Szenarien. Im eigentlichen Sinne erzählen sie auch keine Geschichten. Vielmehr rufen seine Bilder Geschichten hervor. Wiese schreibt zu seinen Arbeiten: „Die Betrachtenden haben es – wie in allen meinen Bildern – mit einer Projektionsfläche zu tun. Bedeutsamkeit oder Sinn der Darstellung ergeben sich für sie aus ihrer Wahrnehmung und Erfahrung mit Kunst sowie ihrer eigenen Vorstellung vom Dargestellten“ (zitiert aus Wieses Antragstext für die Bewerbung für Engels2020).
Es ist nicht Andreas M. Wiese, der Geschichten erzählt. Wir als Betrachtende werden in die Motive hineingezogen und sind aufgefordert, sie für uns selbst zu erschließen – jedoch nicht, sie zu deuten. Andreas M. Wiese, 1966 in Wuppertal geboren, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf. Seitdem lebt er als freischaffender Künstler in seiner Heimatstadt. Auffällig ist, dass seit den frühen 2000er-Jahren häufiger Personen in seinen Arbeiten auftauchen, während seine frühen Werke menschenleer waren. Die Porträts und Menschenbilder erinnern in Sujet und Stimmung an den US-amerikanischen Maler Edward Hopper, etwa an dessen berühmte Einsamkeitsstudie „Nighthawks“.
Aus vielen Arbeiten Wieses blicken uns die abgebildeten Personen direkt an. Wir sind ihrem Blick, oder, philosophisch gesprochen, ihrem Antlitz ausgesetzt. Somit sind wir gezwungen, andere in unsere Geschichten miteinzubeziehen. Sie sind Co-Autoren unserer Geschichten.
Im Jahr 2024 gründete Andreas M. Wiese mit drei Mitstreiterinnen die „Kunstgruppe randlos“. Wenn es keinen Rand gibt, gibt es auch keine Mitte, kein Zentrum. Es gibt Raum für viele weitere Anlässe, Geschichten hervorzurufen – Narration permanente.
(Text: Dr. Thomas Ebers/Mai 2025)