
Claudia Grünig
*1965 in Köln
lebt und arbeitet in Köln
Website: https://claudia-gruenig.jimdofree.com/
„Das Kunstwerk ist eine imaginäre Insel, die rings von Wirklichkeit umbrandet ist.“ (José Ortega Y Gasset)
Claudia Grünig studierte von 1986 bis 1991 Malerei an der Fachhochschule für Kunst und Design in Köln. Ab 1992 arbeitete sie in den Trickfilmstudios Steinmetz und Cologne Cartoon an Trickfilmen sowie der Illustrationen und Gestaltung von Kinderbüchern. Parallel war sie als Bühnen- und Kostümbildnerin für Stadt- und Staatstheater in Deutschland und der Schweiz tätig. Diese vielfältigen Erfahrungen fließen in Ihre fotografischen Werke ein.
Claudia Grünig erschafft Bildwelten, die den Betrachter auf eine Reise zwischen Alltäglichkeit und Surrealität mitnehmen. Ihre Fotografien zeichnen sich durch eine sorgfältig vorbereitete Komposition und eine erzählerische Tiefenschärfe aus. Dabei gelingt es ihr, ausgehend von vertrauten Szenerien eine atmosphärische Spannung zu erzeugen.
Ihre ersten Arbeiten entstanden aus der Überlagerung unterschiedlicher Aufnahmen. So entstanden Arbeiten in Layer-Technik, die dem Betrachter viel Raum für eigene Vorstellungen lassen.
In den aktuelleren Fotographien verfolgt Grünig einen neuen Ansatz. Grundlagen sind einerseits spezielle Orte wie zum Beispiel der Bahnhof in Worpswede oder interessante Innenräume. Darüber hinaus baut sie Kulissen wie in der Bilderreihe „Nachbarn“, in der sie Fototapeten auf einem großen Rahmen aufspannt, die von ihren Modellen durchschlagen werden. Hier fließen Erfahrungen aus ihrer Zeit Bühnenbildnerin mit ein. Bei allen Arbeiten findet ein enges Zusammenwirken zwischen ihr und den Modellen statt. Die Gesten und Körperhaltungen entwickeln die Modelle dabei selbst. Auf diese Weise entstehen die festgehaltenen Szenen aus Interaktion und Improvisationen in einem vorstrukturierten Setting. Spannend ist, dass für den Betrachtenden die Arbeiten vollständig inszeniert wirken.
In der Reihe „Die junge Hühnerzüchterin“ aus Worpswede bindet Grünig das Hobby der Züchtung von Kleinseidenhühnern des 11-jährige Modells in das Fotosetting ein. Die Tiere werden zu einem integralen Bestandteil der Aufnahmen und erzeugen seine zusätzliche surreal wirkende Stimmung.
In der Serie „Nachbarn“ hebt Grünig die Trennlinien zwischen Privatsphäre und Gemeinschaft auf. Durch die surrealen Durchbrüche zwischen den Räumen entsteht eine Atmosphäre zwischen Komik und Unbehagen. Die Inszenierung macht sichtbar, wie eng Nähe und Distanz, Neugier und Grenzüberschreitung in unserer Gesellschaft verwoben sind. Auch hier agieren die Modelle mit eigenen Ideen und Gesten.
Grünig lässt sich von vorgefundenen Räumen inspirieren und bezieht diese kreativ in ihre Bildideen ein. So entstanden auch die Arbeiten im Amberger Kunstverein, der in einem ehemaligen Kino beheimatet ist. Die von Grünig mitgebrachten Requisiten – z.B. der Tennisschläger – werden gezielt in die Bildkomposition integriert.
Die Fotos fordern zur Reflexion über soziale Konventionen, persönliche Grenzen und den poetischen Gehalt des Gewöhnlichen auf. Durch ihre präzise Inszenierung – sei es durch ungewöhnliche Perspektiven, minimalistische Details oder symbolhafte Bildelemente – öffnet Grünig einen Raum für Assoziationen und individuelle Interpretationen. Grünig lädt die Betrachtenden ein, hinter die Oberfläche der Bilder zu blicken, sich auf die rätselhaften Details einzulassen und die vielschichtigen Bedeutungen ihrer Arbeiten zu entschlüsseln. So entstehen je nach persönlicher Interpretation individuelle Sichtweisen.
(Text: Jürgen Rasch/April 2025)