
Katharina Acht
*1982 in Gmunden
lebt und arbeitet in Linz (Österreich)
Website: www.katharinaacht.at
„Einmal wissen dieses bleibt für immer“
Eine Frau am Fenster, den Rücken zum Betrachter, der Blick geht sehnsüchtig in die Weite: Caspar David Friedrichs Meisterwerk „Frau am Fenster“ (ca. 1818–1822) ist der Inbegriff romantischer Melancholie. Ein Bild, das die Betrachterin und den Betrachter förmlich mit hineinsaugt in diese unendliche Ferne.
Szenenwechsel in die oberösterreichische Landesgalerie Linz:
Auch die Arbeit „Solo.Landesgalerie Linz“ zeigt eine Frau am Fenster, diesmal im Profil. Die dunkelbraunen Holzwandvertäfelungen und Holzfensterrahmen greifen die Farbgebung des Sehnsuchtsbildes von Caspar David Friedrich auf. Doch das vertraute romantische Pathos greift hier nicht. Statt sanfter Projektionsfläche gibt es eine radikale Verweigerung solcher Stereotypen: Ein gleißender, blendender Lichteinfall versperrt den Blick nach draußen.
Die Frau, deren Blick wir nicht folgen können ist Katharina Acht. Für ihre fotografische Serie SOLO.ARTSPACES (2016–2020) inszeniert sich die österreichische bildende Künstlerin selbst in leeren Ausstellungsräumen. In anderen Selbstporträts der Serie befindet sich Katharina Acht mitten in Ausstellungsräumen die als „White Cube“ bezeichnet werden. Diese nehmen sich als Präsentationsräume vollständig zurück, um den in ihnen ausgestellten Kunstwerken maximale Aufmerksamkeit zu gewähren. Nun ist es die Künstlerin als Person, der diese Aufmerksamkeit zu Teil wird. Dennoch ist es eine uneitle Selbstdarstellung, weil nicht die Person in den Fokus gerückt wird. Gezeigt wird, dass Menschen in der Leere zu Suchenden werden, Räume nicht haltlos bleiben können, Orte des Verweilens aufgesucht werden müssen. Ein Vexierspiel mit Raum, Ort und Verortung, das den romantischen sehnsuchtsvollen Blick als unterkomplex erweist.
In weiteren Solo-Serien wird diese Komplexität durchgespielt, sei es in menschenleeren Hotels, die sich der Vereinsamung in der Versammlung widmen, sei es in der erzwungenen Leere während des Lockdowns in der Coronazeit, die den Menschen als Gesellschaftswesen erweisen oder aber drapiert in der offenen Natur, in der die Übergänge der Landschaft auf Entgrenzung und Auflösung des Personsein selbst hinweisen.
Neben diese verorteten Selbstporträts treten dann Fotografien von Horizontlinien durch Wasser und Himmel gezeichnet, Schneelandschaften und Bergwelten. Hier wird die Weite der Natur selbst zum Objekt. Als Gegenstand der Betrachtung bleiben sie aber eben doch auf den Menschen bezogen, gewissermaßen Porträts innerer Landschaften und nicht Natur. Diese hier nur angedeutete Breite der Arbeiten der 1982 in Gmunden, Österreich geborenen Fotokünstlerin Katharina Acht zeigt die intensive Auseinandersetzung mit der Mannigfaltigkeit innerer und äußerer Eindrücke.
Auf der Website der Künstlerin ist zu lesen: „Die Acht beschreibt eine geschlossene Bewegung: eine Linie, die sich selbst kreuzt und zu sich zurückkehrt. Sie erzeugt den Eindruck von Kontinuität, ohne einen Anfang oder ein Ende zu besitzen. Innerhalb dieser Struktur entstehen Zusammenhänge, die von Wiederholung und Veränderung geprägt sind. So entsteht ein System, in dem Ordnung und Ungewissheit gleichzeitig wirksam werden.“ (https://www.katharinaacht.at/about/)
Ein faszinierender Namenszauber, mit dem Katharina Acht ihrer Arbeit einen Rahmen gibt. Doch vielleicht ist das wahre Symbol hinter ihrer Kunst gar nicht die klassische, liegende Acht als Symbol der Unendlichkeit. Es ist vielmehr die dreidimensionale, beinahe verunglückte achtähnliche Form eines Möbiusbandes. Im Gegensatz zur abstrakten Zahl ist dieses Band eine geometrische Figur, die im realen Raum existiert. Sie steht nicht bloß für die Unendlichkeit – sie erzeugt sie in einem ganz begrenzten Raum. Wer mit einer Stiftspitze an diesem Band entlangfährt, markiert Vorder- und Rückseite in einer einzigen, ununterbrochenen Bewegung. Mathematisch gesehen ist es eine „einseitige Fläche“, auf der klassische Koordinaten wie Links und Rechts, Innen und Außen komplett versagen.
Umso wichtiger ist es, dass Katharina Acht diese visuelle Verwirrung als künstlerische Strategie nutzt. Indem sie die Trennung zwischen dem Betrachter, dem Raum und sich selbst aufhebt, zieht sie uns mitten hinein in die Koordinatensuche. Ihre Fotografien sind kein stilles Verharren, sondern eine endlose Bewegung. Sie zwingen uns dazu, den eigenen Standpunkt immer wieder neu zu hinterfragen und uns in der Welt neu zu verorten. Zumindest für diese Bewegung gilt die Textzeile des Liedes „Am Fenster“ von der Band City, ein Klassiker der DDR-Rockmusik aus den 1970er Jahren: „Einmal wissen dieses bleibt für immer“.
(Text: Dr. Thomas Ebers/Juli 2026)