Neo Overstreet

Neo Overstreet (Foto: © 2021 Wolfgang Weßling)
Neo Overstreet (Foto: © 2021 Wolfgang Weßling)


Neo Overstreet
*1979 in Gelsenkirchen
lebt und arbeitet in Schüttorf und Osnabrück
Website: www.neooverstreet.de


Ein Dichter zeigt sich verletzlich

Um einen Dichter vorzustellen, ist es vielleicht kein schlechter Einstieg, ein paar Zeilen von ihm zu zitieren, die dem Leser einen Einblick in seine Gedankenwelt gewähren. Das trifft insbesondere dann zu, wenn er mit seinen lyrischen Versen kein Wortgeklingel fabriziert, kein anmutiges Spiel mit schönen Formulierungen, sondern seinen Gefühlen, Gedanken und Eindrücken freien Raum lässt, auch mit dem Risiko, sich verletzlich und ungeschützt zu zeigen. So heißt es in dem Gedicht „Jahrelang“:

„Ausgestoßen, angespuckt vom Leben verbannt,
Die Tiefe des Herzens, die Gefühle verbrannt,
Die Liebe erschlagen, die Trauer erweckt,
Der Hass lodert auf, der tief in meinem Innern steckt,
Du hast es getan, ich war es nicht,
Ich sehe in dein verzerrtes Gesicht,
Jahrelang gepeinigt, gedemütigt, gequält,
Jetzt wird abgerechnet, jetzt wird abgezählt,
Ich hatte keine Chance, ich konnt´ es dir nicht sagen,
Jetzt musst du ganz allein die Konsequenzen tragen,
Für jeden Schlag, für jeden Tritt, für jedes Wort an mich,
Richte ich die tödliche Mündung auf dich,
Jetzt wimmerst du um Gnade, doch jetzt ist es zu spät,
Du hast zuviel Leid und zu viel Hass gesät,
Ich habe meinem Finger den Impuls gegeben,
Und nun dringt dir die Kugel durch die Stirn ins Leben,
Hinter Gittern leb´ ich sicher, dass sagte man mir,
Doch die Schuld an deinem Tod liegt ganz allein bei dir…
Jahrelang, jahrelang, jahrelang, jahrelang…“

Diese Zeilen stammen von Neo Overstreet, der sich schon seit mehreren Jahren vor allem im Osnabrücker Raum einen Namen als Dichter und Musiker gemacht hat. Sie finden sich in seinem 2013 erschienenen Erstlingsband „Mein kleines Leben“ (Anm: Er liegt auch als Hörbuch vor. Sprecher ist „Heaven“, der als Frontmann der „Angefahrenen Schulkinder“ vor allem Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre mit Liedern wie „Tötet Onkel Dittmeyer“ oder „I wanna make love to Steffi Graf“ für Furore sorgte) und sind zum Teil in seiner Sturm- und Drangphase entstanden, die wie bei vielen Jugendlichen auch von Wildheit, Aufbegehren, Verzweiflung und emotionalem Chaos geprägt war. Doch die gehört auch zu seinem Leben, und deshalb sind sie mitveröffentlicht worden. „Ich habe erst noch überlegt, ob ich sie rausnehmen soll, ob es mir heute eher peinlich ist, was ich damals gefühlt und gedacht habe, aber dann habe ich mir gedacht, nein, eher ganz im Gegenteil. Das war damals ich, der so empfunden hat, ehrlich und direkt.“

Das Thema Gewalt und Tod spielt auch in weiteren Gedichten eine große Rolle, doch in einem eher tragischen Zusammenhang. So finden sich in dem Gedicht „Das Leid auf Erden“ folgende Zeilen:

„…ein Mädchen auf dem Boden kauert,
einsam weint und träumt und trauert.
Ihres Haares blonde Strähne im Gesicht
und eine Träne glänzt in ihrem klaren Blick,
doch es gibt nun kein Zurück…
Und es dringt des Messers Schneide
tief ihr in die Eingeweide,
dringt ihr in ihr junges Leben
und beendet all ihr Streben
nach Hoffnung, Freiheit, Glück und Liebe,
alles was ihr nun noch bliebe,
sind die Träume ihres Lebens,
doch die träumte sie vergebens,
denn alles was sie hier noch bindet,
löst sich, stirbt, es flieht, es schwindet.
Langsam löst sich ihre Hand,
sinkt herab auf ihr Gewand,
welches rot und blutdurchtränkt,
an dem toten Körper hängt…“.

Dieses wie auch weitere Gedichte sind geprägt von den Eindrücken, die mehrere Selbstmorde aus dem Freundes- und Bekanntenkreis hinterlassen haben.

Wer jetzt allerdings denkt, dass es sich bei Neo Overstreet um einen depressiven Todessehnsüchtigen handelt, der sich in Gedanken voll von Gewalt und Sterben suhlt, liegt völlig falsch. „Jeder hat doch schon mal Verzweiflung gespürt, war unglücklich verliebt oder wurde mit dem Tod konfrontiert. Bei mir ist nur der Unterschied, dass ich darüber schreibe und es veröffentliche“, sagt er zu diesem Thema, mit dem er auch schon konfrontiert wurde. Und das er auch von anderen Dingen dichtet, ist unter anderem im zweiten Band „Hinterm Horizont“ nachzulesen. Im Gedicht „Mit dir verweilen“ erzählt er von Liebe und Nähe: „Ich hab´dich heute lachen sehen, Habe neben dir gesessen, Habe Zeit und Raum vergessen, Fühlte mich ganz wunderbar… Das Gefühl ist nun zurück, Und es bringt mir neues Glück, Der Grund dafür wirst du wohl sein…“

Aktuell in Planung ist Band 3 mit dem Titel „… aus alter Feder“, der sich von der Form her an der traditionellen Metrik orientiert.

Biografisches: Neo Overstreet, der aus privaten und beruflichen Gründen nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden will, wurde 1979 in Gelsenkirchen geboren. Nach dem Abitur und der Bundeswehr begann er 2000 ein Studium an der Fachhochschule für Rechtspflege und Verwaltung in Hannoversch Münden. Das schloss er als Diplom-Verwaltungswirt ab und ist seitdem in Osnabrück im Staatsdienst tätig.

(Text: Andreas Meistermann/Januar 2021)