Ragnar Gischas

Ragnar Gischas (Foto: Wolfgang Weßling)
Ragnar Gischas (Foto: © 2013 Wolfgang Weßling)


Ragnar Gischas
*1971 in Münster
lebt und arbeitet in Osnabrück
Website: www.ragnargischas.com

Ragnar Gischas – Aktfotografie irgendwie anders

Trotz sexueller Aufklärung, dem Machtverlust moralischer Instanzen wie der Kirche und einer schon als pornographisch zu bezeichnenden Übersexualisierung im Privat-Fernsehen, im Internet und in mehr oder minder erotischen Erotik-Magazinen steht die eigentlich zur Traditionsgeschichte der Kunst gehörende Aktfotografie immer noch im Mittelpunkt manch angeregter oder vielmehr erregter Diskussion und hat das Potenzial zum Skandal. Davon weiß auch der Osnabrücker Fotograf Ragnar Gischas zu berichten, der nicht umsonst auf seiner Internetseite folgenden Hinweis veröffentlicht hat: „Sollten Sie sich von Nacktheit abgestoßen fühlen, können sie die entsprechenden Menüpunkte meiden!“

Neben Porträts steht die Aktfotografie im Mittelpunkt seines kreativen Schaffens, die im Zuge des Harvey-Weinstein-Prozesses und der direkt damit im Zusammenhang stehenden „Me too“-Debatte zu einer neuen und fast schon als reaktionär und prüde zu bezeichnenden Betrachtungsweise dessen geführt hat, was die Darstellung eines nackten weiblichen Körpers angeht. Was vorher in Museen als Kunst angesehen wurde, stand urplötzlich unter dem Verdacht des Sexismus, der Herabwürdigung des weiblichen Körpers zu einem Sexualobjekt.

Ragnar Gischas weiß mit so etwas umzugehen. Er sagt: „Ich bin ein Fotokünstler mit dem Schwerpunkt Mensch“ und bringt damit auf den Punkt, was ihn interessiert: Der Mensch, und zu dem gehört nun mal ein Körper. Und die Modelle, mit denen er arbeitet, haben kein Problem damit, sich nackt zu präsentieren. Ihnen sieht man an, dass sie mit dem, was sie vor der Kamera zeigen, spielen. Mal zeigen sie sich verletzlich und schüchtern, ein anderes Mal selbstbewusst und offen, ein weiteres Mal geheimnisvoll und verführerisch. Kennzeichnend für Gischas Art des Fotografierens sind das Spiel mit Schatten und Licht sowie die Locations, die oft von Verfall geprägt sind wie leere Fabrikhallen oder runtergekommene Bauernhöfe. Sie wirken als Kontrapunkt zur Schönheit der dargestellten Körper

Im Laufe seiner fotografischen Tätigkeit hat sich die Art und Technik seiner Arbeit gewandelt, wie bei einer Ausstellung in den Räumlichkeiten des Bundes Bildender Künstler Osnabrück deutlich wurde. In einem Text zur Ausstellung wird es beschrieben: „War er früher mit einer hochwertigen Spiegelreflexkamera unterwegs, um seine Porträt- und Aktfotografien anzufertigen, so hat er sich jetzt eine ganz einfache Systemkamera zugelegt. „Die habe ich günstig bei e-bay erworben“, sagt er und schwärmt von den Vorteilen. Der Apparat habe keinen Sucher, sondern ein Display. So könne er arbeiten, ohne die Kamera als Distanz schaffendes Objekt zwischen sich und seinen Modellen zu haben. Es führe dazu, dass die Augen der Frauen, die er fotografiert, nicht mehr so sehr in den Fokus rückten wie früher. Außerdem sei er viel beweglicher, könne spontaner arbeiten und wenn einmal Unschärfen in den Fotos entstehen, weil die Messung in dem Apparat nicht so exakt ist, dann könne er dem Resultat durchaus Reize abgewinnen.“

Mit dieser Arbeitsweise ist Gischas näher an seinem Modell, schafft aber durch die in Kauf genommenen Unschärfen einen Moment der Unwirklichkeit, eine geheimnisvolle Atmosphäre, die den Betrachter herausfordert. Verstärkt wird das durch die Wahl der Modelle, die sich bewusst oder unbewusst der Mainstream-Vorstellung von weiblicher Erotik entziehen. Oft tragen sie Tattoos oder Piercings und vermitteln eine dunkle Aura, die gleichzeitig etwas Anziehendes wie auch Abstoßendes hat. Die Fotos von Gischas laden daher immer wieder zu einer Neubetrachtung ein. Dass lässt sich von der klassischen Darstellung eines weiblichen Körpers in gängigen Formen nicht immer unbedingt sagen und spricht für den besonderen Blick des Fotokünstlers.

(Text: Andreas Meistermann/Februar 2021)